Die Unmarkierte Luna Chapter 04
Um 23:40 Uhr in dieser Nacht erhielt ich einen Anruf aus dem Rudelkrankenhaus.
Die diensthabende Krankenschwester teilte mir mit, dass das
Heilerteam kurzfristig und dringend abgezogen worden sei.
Einen genauen Grund könne sie nicht nennen.
Ich stand mit dem Handy in der Hand vor dem Zimmer
meiner Mutter und hörte die Stimmen am Ende des Flurs.
….Diese Frau soll also seit sieben Jahren die Geliebte des
Alphas sein. Und die ganze Zeit hat sie Luna gespielt.”
„Echt jetzt? Sie wirkt doch so anständig.”
„Tja. Der Schein kann trügen. Die wahre Gefährtin des Alphas
ist schließlich aufgetaucht.”
Ich rührte mich nicht.
Keinen Schritt.
Am nächsten Morgen hatte meine Mutter die Gerüchte
irgendwie ebenfalls erfahren.
Sie lag blass gegen die Kissen gelehnt und sah mich an.
„Jenny… sag mir die Wahrheit.”
Ich öffnete den Mund.
Doch plötzlich griff sie sich an die Brust.
Ihr Körper sackte zur Seite.
Der Herzmonitor begann schrill zu alarmieren.
Mein Vater stürmte vom Flur herein und tastete hektisch nach dem Notrufknopf.
Eine Krankenschwester rannte ins Zimmer, warf einen Blick
auf den Monitor und lief sofort wieder hinaus.
Als sie zurückkam, war ihr Gesicht bleich.
„Das Operationsteam der Heiler ist nicht da. Wir können
ihren Zustand vorerst stabilisieren, aber wir müssen auf neues Personal warten.”
Mein Vater packte ihren Ärmel.
Was heißt, die Heiler sind nicht da? Alles war doch längst organisiert!”
Die Schwester schüttelte hilflos den Kopf.
Sie wusste es selbst nicht.
Mit zitternden Händen setzte ich meiner Mutter die
Sauerstoffmaske auf.
Ihre Augen waren halb geöffnet.
Sie sah mich an.
Ihre Lippen bewegten sich.
Doch kein Laut kam heraus.
Ich zog mein Handy hervor und rief Hunter an.
Es klingelte siebenmal.
Dann legte ich auf.
Ich rief erneut an.
Keine Antwort.
Mein Vater lief unruhig auf und ab und fragte immer wieder,
was los sei.
Ich konnte ihm nichts sagen.
Ich starrte nur auf den Bildschirm meines Handys.
Mein Finger schwebte über dem Anrufsymbol.
Dann wählte ich schließlich eine andere Nummer.
Clara ging ran.
Ihre Stimme klang träge.
Du suchst Hunter?”
„Gib ihn mir.”
Meine Stimme brach.
Er ist gerade unter der Dusche, Was auch immer du sagen
willst, kannst du genauso gut mir sagen.”
Bring das Heilerteam zurück.”
Meine Worte kamen stoßweise.
Schick sie sofort zurück!”
Einige Sekunden lang herrschte Stille.
Dann hörte ich Hunters Stimme.
Hast du endlich verstanden?”
Bring sie zurück.”
Die Tränen liefen unaufhaltsam.
„Bitte.”
Gut.”
Seine Stimme blieb ruhig.
„Komm ins Rudelhaus und entschuldige dich bei Clara.”
„Wenn sie zufrieden ist, wird das Heilerteam zurückkehren
und deine Mutter behandeln.”
Ich legte auf.
Dann sah ich erst auf die Werte des Monitors.
Dann auf meinen Vater.
Er hockte in einer Ecke des Zimmers.
Sein Haar war grauer, als ich es in Erinnerung hatte.
Seine Schultern waren zusammengesunken wie ein vertrockneter Baumstumpf.
Die Fahrt zurück zum Rudelhaus war die längste meines Lebens.
Clara saß auf dem Sofa.
Auf dem Couchtisch stand eine Dessertplatte.
Sie aẞ Eiscreme.
Hunter stand vor den bodentiefen Fenstern.
Mit dem Rücken zu mir.
Du bist also gekommen.”
Clara schob sich einen großen Löffel Schokoladeneis in den
Mund, kaute langsam und sagte:
„Setz dich.”
Versteh mich nicht falsch. Ich versuche nicht, dir das Leben
zur Hölle zu machen.”
„Aber wenn einen jemand grundlos schlägt, möchte man
doch ein bisschen Wiedergutmachung, oder?”
Ich antwortete nicht.
Sie sah mich an und lächelte.
„Dann fangen wir mit einer Entschuldigung an.”
Es tut mir leid.”
Sie legte den Kopf schief.
„Hm?”
Was hast du gesagt? Ich habe dich nicht verstanden,”
Es tut mir leid.”
Seufzend zerknüllte sie ihre Serviette und warf sie in den Mülleimer.
Worte reichen mir nicht.”
.Geh auf die Knie.”
Die Krieger werden dich schlagen.”
Und wenn ich sage, dass es genug ist, dann ist es genug.”
Kalt sah ich sie an.
Sie warf einen Blick in Richtung Fenster.
„Hunter, was meinst du?”
Hunter drehte sich nicht um.
Langsam ging ich auf die Knie.
Meine Knie trafen die Fliesen mit einem dumpfen Schlag.
Ein Rudelkrieger trat neben mich.
Er hob die Hand.
Und schlug zu.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal.
Mein Gesicht brannte.
Ich wusste nicht mehr, ob es Schmerz war oder bereits Taubheit.
Reicht das jetzt?”
Clara antwortete nicht.
Sie blickte an mir vorbei.
Auf etwas hinter meinem Rücken.
Mein Handy klingelte.
Ich zog es aus der Tasche.
„Hallo?”
„Jenny…”
Die Stimme meines Vaters war kaum noch hörbar.
Deine Mutter ist gegangen.”
Ihr Herz hat aufgehört zu schlagen.”
„Sie konnte nicht länger warten…”
Das Handy glitt mir aus der Hand.
Es fiel auf die Fliesen.
Der Bildschirm zersprang in einem Netz aus Rissen.
Ich kniete reglos da.
Und starrte auf das kaputte Display.
Es leuchtete noch immer.
Der Anruf lief noch.
Eine Sekunde.
Zwei Sekunden.
Drei Sekunden.
Hunter kam zu mir herüber.
Er ging in die Hocke und legte mir eine Hand auf die Schulter.
Jenna? Was ist passiert?”
„Ist es Aubrey…”
Seine Stimme stockte..
„Mach dir keine Sorgen. Ich rufe sofort an. Ich schicke das
Heilerteam zurück.”
„Ich wollte sie gar nicht wirklich dauerhaft abziehen.”
„Ich wollte dir nur eine Lektion erteilen…”
Langsam hob ich den Kopf.
Und sah ihn an.
Dieses Gesicht.
Zehn Jahre lang hatte ich es angesehen.
Beim Gefährtenfest.
In unserem neuen Zuhause zwischen unausgepackten
Umzugskartons, während er für mich Pasta kochte.
Auf dem Krankenhausflur, als er im Schlaf meine Hand festhielt.
Dieselben Gesichtszüge.
Dieselbe Silhouette.
Hunter.”
Meine Stimme war erschreckend ruhig.
Meine Mutter ist tot.”
