Die Unmarkierte Luna Chapter 03
Ich verbrachte zwei Wochen im Rudelkrankenhaus.
Hunter beschwerte sich kein einziges Mal.
Im Gegenteil.
Er kümmerte sich um alles, was geregelt werden musste.
Er fand die Heiler.
Er traf die Entscheidungen.
Er sorgte sogar dafür, dass meine Mutter ein privates Zimmer mit viel Sonnenlicht bekam.
Ihre Werte vor der Operation kannte er besser als ich selbst.
Nachts saß er mit mir auf der Bank im Flur.
Wenn ihn die Müdigkeit übermannte, lehnte er sich gegen
die Wand und nickte kurz ein.
Das Licht am Schwesternstützpunkt war gedämpft, und selbst
im Schlaf blieb seine Stirn leicht gerunzelt.
Doch seine Hand ließ meine nie los.
Wenn es meiner Mutter gut genug ging, hielt sie seine Hand
und unterhielt sich mit ihm.
„Hunter, Jenna kann ziemlich stur sein. Du musst einfach
etwas Geduld mit ihr haben.”
Er lächelte, legte ihre Hand zurück unter die Decke und sagte:
.Aubrey, ich bin der Glückliche. Jenna ist meine Luna geworden.”
Meine Mutter sah mich an.
Ihre Augen waren voller Zuversicht.
Ich nickte nur.
Kein Wort kam über meine Lippen.
Doch die Last auf meiner Brust wurde mit jedem Tag schwerer.
An diesem Nachmittag wurde Hunter von seinem Beta wegen Rudelangelegenheiten weggerufen.
Ich kam gerade mit mehreren Essensboxen zurück zum Zimmer.
Als ich die Tür öffnete, sah ich eine fremde Frau am Bett meiner Mutter sitzen.
Die bisherige Pflegekraft war ersetzt worden.
Sie trug hellblaue Dienstkleidung und schälte mit gesenktem Kopf einen Apfel,
Das Sonnenlicht fiel durch das Fenster.
Als sie aufsah und meine Mutter anlächelte, erreichte mich ihr Duft.
Rosen.
Mein Gefährte ist eigentlich kein schlechter Mensch“, sagte sie.
„Er ist nur zu weichherzig. Da gibt es diese andere Wölfin, die ihm schon seit Jahren nachläuft. Und er sagt immer, er wolle sie nicht verletzen. Er bringt es einfach nicht übers Herz, einen Schlussstrich zu ziehen.”
Meine Mutter lehnte sich gegen die Kissen und seufzte.
„Das klingt schwierig.”
Die Frau reichte ihr den geschälten Apfel.
Allerdings.”
„Manchmal wird mir einfach alles zu viel. Dann muss ich
raus, mich beschäftigen und den Kopf freibekommen.”
Die Stimme meiner Mutter klang inzwischen schläfrig.
„Wenn du mich fragst, kennen manche Leute wirklich keine Scham.”
Ich blieb in der Tür stehen.
Die Essensboxen wurden plötzlich schwer in meinen Händen.
Meine Mutter winkte mich heran.
„Jenna, da bist du ja,”
„Das ist Clara, meine Pflegekraft. Sie ist so lieb. Und sie hat
wirklich ein schweres Leben hinter sich. Du glaubst gar nicht. was ihr Gefährte alles…”
Mom, ich habe dir einen Salat mitgebracht.”
Ich stellte die Box auf den Nachttisch und wandte mich dann
an die Frau in Blau.
Kann ich kurz mit dir draußen sprechen?”
Das Fenster am Ende des Flurs stand offen.
Der Wind trug den Geruch von Desinfektionsmittel davon.
„Du hast das alles absichtlich vor meiner Mutter gesagt, oder?”
Sie lehnte sich gegen die Wand.
Die süße, unschuldige Maske fiel augenblicklich von ihrem Gesicht.
„Ich habe über meine eigene Familie gesprochen. Was geht dich das an?”
„Das hier ist eine Sache zwischen uns beiden.”
Meine Stimme blieb ruhig und kontrolliert.
Lass meine Mutter da raus.”
„Zwischen uns beiden?”
Sie lachte.
Leise.
Scharf.
Wie Fingernägel auf Glas.
Jenna, du bist seit drei Jahren die Geliebte.”
Sie legte den Kopf schief.
„Nein, warte. Seit sieben Jahren.”
„Und du willst mit mir über ‘zwischen uns beiden‘ reden?”
Meine Hände ballten sich zu Fäusten.
„Glaubst du wirklich, er wird dich jemals markieren? Dich
lieben? Dich zu seiner einzigen Luna machen?”
Er spielt mit dir. Das macht er mit jedem. Ich bin diejenige,
die Hunters Eltern gerettet hat. Als Gegenleistung für seinen
Alpha–Titel hat er mir sein Mal gegeben.”
Sie lächelte kalt.
Ein fairer Handel, findest du nicht?”
„Und was hast du jemals für ihn getan?”
„Nichts.”
„Und trotzdem erwartest du, dass er die Operation deiner
erbärmlichen Mutter bezahlt?”
Meine Atmung stockte.
Doch Clara war noch nicht fertig.
Vielleicht findet die Operation deiner Mutter ja gar nicht
statt.”
„Sie ist alt. Ihr Körper ist schwach.”
„Und wenn sie es nicht schafft…”
Meine Hand traf ihr Gesicht, noch bevor ich bewusst begriff,
was ich tat.
Ein scharfer Schmerz schoss durch meine Handfläche.
Clara taumelte zurück.
Eine Hand auf ihrer Wange.
Der Schrei, der gerade aus ihrem Mund kommen wollte,
wurde von einer anderen Stimme unterbrochen.
Jenna!”
Hunter kam den Flur entlang geeilt.
Er zog Clara sofort hinter sich und packte mein Handgelenk.
Was stimmt eigentlich nicht mit dir?”
Hinter seinem Rücken begann Clara augenblicklich zu weinen.
Perfektes Timing.
Hunter…”
Ihre Stimme zitterte.
Ich wollte doch nur helfen. Ich dachte, Aubrey könnte etwas
Gesellschaft gebrauchen…”
Ich weiß nicht, warum Luna Jenna so wütend ist.”
Ich habe wirklich nichts gesagt. Ehrlich.”
Ich sah Hunter direkt an.
„Frag sie, was sie gesagt hat.”
Er runzelte die Stirn.
Sein Blick wanderte von mir zu ihrer geröteten Wange.
Was hätte sie denn schon gesagt haben können?”
Jenna, mir ist egal, was sie gesagt hat.”
Seine Stimme wurde hart.
„Aber dass du sie schlägst, geht eindeutig zu weit.”
„Seit wann bist du so geworden?”
„Wie willst du jemals eine respektierte Luna sein, wenn du
dich so verhältst?”
Ein bitteres Lachen entfuhr mir.
Meine Augen brannten.
„Wie ich geworden bin?”
„Hunter, du bist doch derjenige, der…”
„Genug.”
Er schnitt mir das Wort ab.
Dann legte er einen Arm um Claras Schultern und führte sie
zum Aufzug.
„Ich bringe sie nach Hause.”
Ohne sich noch einmal umzudrehen, sagte er:
„Beruhige dich erst einmal und denk darüber nach, ob das,
was du getan hast, wirklich richtig war.”
